Brüche - Die Franzosen und Mosbach

Mosbach und die Franzosen - ein Auszug aus dem "Mosbach-Buch"



28. Franzosenzeiten (1688-1806) und endlich Frieden

Nur eine kürze Ruhepause war den Menschen nach dem Dreißigjährigen Krieg vergönnt, dann erschütterten die Franzosenkriege die Stadt. Damals wurde das Heidelberger Schloß des Kurfürsten und die Burg Hornberg, die Burg des Ritters Götz von Berlichingen, von Franzosen zerstört. Heidelberg und viele andere Städte gingen in Flammen auf. Daß Mosbach verschont blieb, verdankt die Stadt der Fürsprache der 1686 nach Mosbach gekommenen Franziskanermönche, die hier außerhalb des Obertores eine Kirche und bald danach im Jahre 1688 ein Kloster errichteten. Im Jahre 1697 begann eine fast 100 Jahre währende Friedenszeit, in deren Verlauf die alte Stadt von einer Feuersbrunst heimgesucht worden sein soll.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg kam für Mosbach eine kurze Zeit der Erholung. Sie wurde durch den Besuch des jungen pfälzischen Kurfürsten Karl Ludwig (1633–1680) eingeleitet, der nach Bestimmung des Westfälischen Friedens, Oktober 1649 von Nürnberg kommend, in seine Heimat zurückkehren konnte. Mosbach war die erste pfälzische Stadt, durch die er kam. Festlich wurde er empfangen.

Mit Sparsamkeit und Kraft führte dieser evangelische Fürst in den nächsten Jahrzehnten sein Land schrittweise aufwärts, bis er 1680 starb. Nach kurzer Regierungszeit seines Sohnes Karl fielen Kurwürde und Land an Philipp Wilhelm von der katholischen Linie Pfalz Neuburg. Das hatte zwei Folgen :

Der 17. Kurfürst1 Philipp Wilhelm (1685-1690) ordnete für Katholiken und Lutheraner freie Ausübung ihres Kults an und berief einige Franziskaner nach Mosbach. Sie legten noch im gleichen Jahre 1686 vor dem Obertor den Grundstein zu einer katholischen (1809 wieder abgerissenen) Kirche. Zwei Jahre später gründeten sie das Franziskanerkloster, in dessen erweitertem Bau von 1772 heute Amts- und Landgericht arbeiten.

Die zweite Wirkung der Erbfolge war der Anspruch, den König Ludwig XIV. von Frankreich, der Sonnenkönig, für seine Schwägerin Liselotte, die Tochter des verstorbenen Ludwig IV. von der Pfalz an das Land erhob, obwohl sie bei ihrer Hochzeit Verzicht geleistet hatte. So nahm 1688, vierzig Jahre nach dem westfälischen Frieden, bereits der nächste Krieg seinen Anfang.

Bald waren die Franzosen in Mosbach, berichtet Th. Lang2. Die Angst der Einwohner war groß, als die Soldaten drohten, die Stadt zu plündern und anzuzünden, sofern nicht binnen eines Tages 11000 Gulden Kriegsgelder erlegt werden würden. In dieser furchtbaren Not begaben sich der Bürgermeister des Rates, Martin Nelius, mit zwei Abgeordneten der Gemeinde zu beiden Franziskanermönchen, die sich in der Stadt niedergelassen hatten. Die Mosbacher Abordnung bat die Mönche, bei dem französischen Kommandanten ein gutes Wort für die Stadt einzulegen, um dadurch deren Schonung zu erreichen.

Den Mönchen waren die Mosbacher bis dahin nicht sonderlich gut gesonnen gewesen. Jetzt, da der Pater Ludwig Merklein und der Franziskanerbruder Angelus Müß, der des Französischen mächtig war, bittend vor dem Franzosen standen, der das Schicksal der ganzen Stadt in Händen hielt, gab es wohl niemanden, der den beiden nicht mit bangem Herzen Erfolg gewünscht hätte. Wirklich stimmte der Kommandant zu, eine rasch aufgebrachte Kontribution als genügend anzunehmen, und anderen Tags räumte der Feind die Stadt, ohne sie in Brand gesteckt zu haben.

So war die Fachwerkstadt Mosbach durch die Franziskanermönche von einer großen Gefahr errettet, denn überall sonst verwüsteten die Franzosen das Land. Damals wurden auch Burg Hornberg, die Burg Götz von Berlichingens, und das Kurfürstenschloß Heidelberg zerstört. Heidelberg, Mannheim, Speyer und Worms gingen in Flammen auf.

Erst 1697 wurde dieser neunjährige Krieg beendet, nachdem Ludwig XIV. vertrieben worden war. Er hinterließ eine planmäßig zerstörte Pfalz; Straßburg blieb in seinem Besitz. So berichtet Th. Lang.

Draußen aber, weit entfernt von den »Taten« der Politiker und Soldaten, wurde weiter an einer neuen, besseren Welt gebaut. Gutenbergs Erfindung der Buchdruckerkunst trug Frucht. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeit konnten nun schnell verbreitet werden, und Ingenieure bauten in neuer Geisteshaltung an der kommenden wissenschaftlich-technischen Welt.

Für Mosbach wirkte sich diese Entwicklung, die mit Riesenschritten unserer Zeitepoche zueilte, noch nicht aus. Für Mosbach war hundert Jahre lang Frieden, bis 1792 eine neue Kriegszeit begann, die mit kleineren Unterbrechungen in die napoleonische Zeit überging und erst 1814 ihr wirkliches Ende fand. Aber auch das Jahrhundert des Friedens, das Mosbach nach 1697, dem Ende des neunjährigen Krieges, bevorstand, war nur zeitweise eine Ruhe- und Erholungszeit.

Im Jahre 1723 entstand vermutlich ein großer Brand, der 150 Häuser in Asche gelegt haben soll (Widder, Wirth). Dieses Ereignis ist bis heute nach B. König aktenmäßig nicht belegbar. Es scheint aber, daß Mosbach damals sein Gesicht entscheidend änderte. Häuser, die bis heute noch bei den Fundamenten der alten Stadtmauer stehen, sind etwa 250 Jahre alt und stammen vielleicht aus jener Zeit.

Von 1806 ab erfolgte schnell fortschreitend der Abbruch der Stadtbefestigung (Brohm).

In Jahrzehnten des Friedens hat Mosbach die Schäden des großen Brandes überwinden können. Viele neue Gebäude entstanden damals, und manche sind bemerkenswert. Bald nach dem unheilvollen Jahr 1723 entstanden die »Traube« (heute Gasthaus »Pfalzgrafenstube«, Hauptstraße Nr. 70) mit schönen Fenstergruppen (1732) und das anmutige Haus daneben (1727), heute Cafe Elwert3, Nr. 72. Um 1780 wurden größere Barockbauten im Gebiet des Untertors errichtet: Das Haus Drogerie Sigmund (1780), Hauptstraße 11. Besonders hervorzuheben ist das Hotel »Prinz Carl« von 1778, das bis 1962 schräg gegenüber dem Haus Sigmund auf der anderen Straßenseite stand. Man wird vermuten, daß um 1800 ein Teil der Untertorbauten, wenn nicht das ganze Tor, abgetragen wurde.

Aus jener Zeit besitzen wir die ersten sicheren statistischen Angaben über Bevölkerung und Bauten. 1784 gab es in der Stadt 4 Kirchen, 5 Schulen, 260 Häuser und 10 Mühlen. Die Bevölkerung zählte 1654 Seelen in 403 Familien. Sie wuchs in den zehn Jahren von 1774 bis 1784 um 15%, ein erstaunlicher Anstieg, dessen Tempo auch zwischen 1900 und 1940 nicht mehr ganz erreicht werden sollte und nur durch die Zuwanderung nach 1945 übertroffen wurde. So war denn Mosbach wieder erstarkt und überwand auch ohne ernstliche Verluste die Zeit Napoleons.

Die französische Revolution von 1789 hatte das französische Königtum weggefegt. Die junge Republik erklärte April 1792 Österreich, das sich zur Rettung des französischen Königtums anschickte, den Krieg. Zwar versuchte sich der 20. Kurfürst4 Carl Theodor von der Pfalz (1743–1799), herauszuhalten. Doch durchzogen die Österreicher wenige Monate nach Kriegsbeginn die Oberämter Mosbach und Heidelberg des neutralen Landes.

Die Mannheimer Regierung begann mit Aushebungen und brachte ihre Archive nach Mosbach. Der Hof kam im folgenden Jahre nach Mosbach. 1794 wurden bereits alle waffenfähigen Männer von 16 bis 60 Jahren in der Kurpfalz rechts des Rheines zur Verstärkung der Reichsarmee aufgerufen. Aber es half wenig, denn September 1795 nahmen die Franzosen Mannheim ein, während die pfalz-bayrischen Truppen sich nach Eberbach und Umgegend zurückzogen und nun 2300 Mann von Mosbach verpflegt werden mußten. Auch als im Spätherbst schwere Kämpfe um Mannheim entbrannten, in denen zunächst die Österreicher Sieger waren, blieb das Land um Mosbach Basis für Truppenansammlungen und Einquartierungen. Mosbachs Leiden in diesen drei Jahren waren groß, und die Stadt verarmte weiter. Die Lasten der Einquartierungen mußten von der Stadt selbst getragen werden. Jedes Jahr betrugen die Kosten mehrere Tausend Gulden, dazu kamen Arbeiten an der Mannheimer Rheinschanze und der dortigen Stadtbefestigung, Fronfuhren, Materiallei­stungen und Kontributionen. In den Jahren 1795 bis 1797 betrugen die Kosten, die die Stadt durch Steuern aufbringen mußte, über 50000 Gulden.

Napoleon
1797 begann Bonapartes Stern aufzusteigen. Er besiegte die Österreicher und schloß mit ihnen Frieden. Der Rhein wurde die Grenze. Doch schon 1798 bildete sich eine große Koalition gegen Frankreich, und der Krieg flammte erneut auf. Das Kriegsglück war launisch. Wieder näherte sich die Front Mosbach von Westen. Aber sie blieb glücklicherweise am Neckar stehen und wich bald nach Westen zurück. Herbst 1799 wurde Mannheim wieder zurückerobert. Doch die Franzosen drangen damals nach Heidelberg vor, und bald war der Neckar wieder die Grenze.

Vor Kochendorf und Neckarelz standen sich Franzosen und pfälzische Truppen unter Wrede gegenüber. Daß Mosbach als Etappe in steter Gefahr war und viel zu leiden hatte, ist selbstverständlich. Hier hatten die Franziskaner ein Feldlazarett eingerichtet, und am 18. November wich Wrede nach einem kurzen Vormarsch zurück und legte seine erschöpften Soldaten nach Mosbach in Bürgerquartiere. Doch die Ruhe währte nur 12 Tage; dann ging es wieder westwärts bis nach Heidelberg. Mosbach war am Jahresende außer Gefahr. 10.000 Gulden Kosten für das Jahr 1799 und fast der gleiche ungedeckte Betrag für das Vorjahr blieben ein Ergebnis dieses Krieges für das verarmte Mosbach.

Das Jahr 1800 brachte Napoleon Siege. Die Franzosen standen bald in Schwaben und Bayern. Mosbach blieb zunächst unbesetzt. Aber Kriegslieferungen nach Mannheim hatten auch die Mosbacher zu leisten. Erst Ende August kamen die Franzosen nach Mosbach, und die Not der Stadtkasse wurde wieder groß. Die Franzosen lebten gut in Mosbach, und die Geschäftsleute und Gastwirte waren zufrieden. Aber die Allgemeinheit mußte hohe Steuern aufbringen.

So ging es auch 1801, auch als im Herbst zwischen Österreichern und Franzosen Frieden geschlossen wurde. Es änderte sich nicht viel. Anfang 1801, als vier Kompanien Franzosen in der Stadt lagen, hieß es noch, daß zwei weitere Kompanien »zur Exekution in hiesige Stadt einrücken sollen«, falls man nicht zusätzlich 200 Ellen Weißtuch oder 100 Louisdor geben wolle. Jetzt mußten Geflügel, Wein und Konfekt von dem armen Bürgermeister herangeschafft werden, um »alle nachteiligen Folgen dem gemeinen Besten zu verhüten«. Auch in diesem Jahr betrugen die Kriegskosten über 10.000 Gulden.

Inzwischen war der kunstfrohe 20. Kurfürst, Karl Theodor (1742–1799), der Mannheim groß gemacht hatte, gestorben. Sein Nachfolger Max-Josef (1799–1806) erkannte die Vorherrschaft Frankreichs an. Er suchte Anschluß an Frankreich, erreichte die Königswürde und Gebietsvergrößerungen. Der Reichsdeputationshauptausschuß von 1803, der die Verteilung der deutschen Gebiete regelte, schloß Heidelberg und Mannheim an das Kurfürstentum Baden an; das Oberamt Mosbach kam an den Fürsten von Leiningen.

Nach 400jähriger enger Verbundenheit Mosbachs mit der Pfalz war damit Mosbach für die Zukunft von der Pfalz getrennt. Das Ende des alten Deutschen Reichs war auch das Ende dieser langen Schicksalsgemeinschaft. 1806 legte Kaiser Franz IL die deutsche Krone nieder. Im Rahmen des Rhein-Bundes, der unter Napoleons Machtanspruch entstanden war, wurde der Kurfürst von Baden Großherzog. Er erhielt einen erheblichen Gebietszuwachs, darunter auch das Fürstentum Leiningen. So kam Mosbach 1806 nach kurzer Leiningerzeit an Baden, wo es bis heute in der größeren Einheit Baden-Württemberg geblieben ist. Über diese drei Jahre hat Bruno König bei der Ratsherrenweckfeier 1977 aufschlußreich und lebendig berichtet.

Ein Jahr nach der Neuordnung von 1806 reiste ein Dichter durch Mosbach, und so erhalten wir neben dem Aktenbericht aus dem Leininger-Archiv noch eine persönliche Mitteilung über unsere Stadt. Der Romantiker Josef von Eichendorff schrieb am 17. Mai 1807 in sein Reise-Tagebuch: »Endlich drängt sich der Weg plötzlich in das schön gelegene Städtchen Mosbach, das ein blühender Garten ist, von wo uns eine Kirschbaumallee, auf der viele Städter in der Abendkühle spazieren gehen, wieder weiterführt.«

Aber wo ist denn diese Kirschbaumallee gewesen? Da Eichendorff auf der Reise nach Heidelberg war, wird vielleicht die alte Straße nach Neckarelz gemeint sein, die, bevor es die Eisenbahn gab, von dem damals schon abgerissenen Untertor mit dem heute vergessenen Lindenplatz nach Neckarelz führte. Doch das ist nur eine Vermutung. Alte Mosbacher halten es auch für möglich, daß die Kirschbaumallee der Fahrweg droben am Henschelberg sei, bis zu dem sich ehemals die Weinberge den Hang hinaufzogen.

Quelle: Kapitel 28, Mosbach-Buch, Ernst und Dorthee Brüche, Auflage 1983 – mit freundlicher Genehmigung Verlag Laub KG, Elztal.

1 Die Zählung der Kurfürsten findet man bei R. Haas, Die Pfalz am Rhein, S. 331. Verlag Dr. Haas AG, Mannheim 1962.

2 Die Ausführungen über die kriegerischen Ereignisse 1688 bis 1806 stützen sich wie in der älteren Darstellung von 1959 vorzugsweise auf das 1936 von der Stadt Mosbach herausgegebene Buch des damaligen Bürgermeisters Theophil Lang.

3 In diesem Hause wurde 1792 der Pädagoge Wilhelm Stern geboren, über den in Abschn. 30 berichtet wird. Eine Gedenktafel an diesem Hause erinnert seit einiger Zeit an ihn.

4 S. Tab. 3,1. Die Zählung beginnt mit Rudolf 1., dem Stammler, Herzog von Oberbayern und Pfalzgraf bei Rhein (1294–1319), und endet mit Maximilian-Josef (1799–1806). Karl-Ludwig ist der 15. Kurfürst von der Pfalz nach Teilung der Pfalz gemäß dem Teilungsvertrag von Turin aus dem Jahre 1329. Die Zahlen in Klammern sind die Regierungszeiten der Kurfürsten.