Andrea Wolf und Rupert Laible - Mosbach
Vorleseabend 2026
'Der' Vorleseabend mit Andrea Wolf und Rupert Laible
Ein ungewöhnliches Thema literarisch und musikalisch angepackt:
Schauspielerin Andrea Wolf und Pianist Rupert Laible eröffneten traditionell den Lions-Büchermarkt - ein vertrautes und kongeniales Team.
Mosbach. Am vergangenen Wochenende markierte wie jedes Jahr der Lions-Bachermarkt im Mosbacher Rathaussaal den Frühlingsbeginn (die RNZ berichtete). Den Auftakt des beliebten dreitägigen Events bildete eine literarisch-musikalische Soiree mit der aus Mosbach stammenden Schauspielerin Andrea Wolf, die diesmal aus Katharina Mevissens Roman „Mutters Stimmbruch” las. Begleitet wurde sie dabei von Rupert Laible am Flügel, der die Lesung mit seinen spannenden Improvisationen zu einem Glanzlicht werden ließ.
Für ein reines und gänzlich unbefangenes Vergnügen ist der von Andrea Wolf ausgewählte Roman vielleicht nicht der geeignete Lesestoff – zumindest nicht auf den ersten Blick. Geht es doch darin um ein Thema, das in der Gesellschaft immer noch weitgehend tabuisiert wird und nur sehr selten konstruktiv verhandelt wird: um das Älterwerden und um Demenz. Der Roman konfrontiert den Leser mit dessen eigener Vergänglichkeit, von der wohl jeder von uns hofft, dass er sie nicht mehr bewusst erleben muss. Aufhalten kann diese Verleugnung aber nichts, so viel ist sicher.
Die meisten betrifft das Phänomen Demenz in irgendeiner Form. direkt oder indirekt. Und darum muss man sich ihm stellen, findet Andrea Wolf, der „Mutters Stimmbruch” als Buch persönlich sehr nahe geht. Autorin Katharina Mevissen erzählt in ihrem Roman eine Geschichte, die nur wenige Monate im Leben der einzigen Hauptfigur umfasst und die doch so viel mehr Zeit andeutet, vergangene und zukünftige.
Dass dies kein gemütlicher Rezitationsabend werden würde, war bereits nach den ersten Kapiteln klar. Rupert Laibles Musik dazu ließ denn auch ein paar düstere Ahnungen anklingen. Er selbst kannte den Roman zuvor noch nicht, wie er im Gespräch hinterher verriet. Er habe nur jeweils die gerade gelesenen Abschnitte als Inspiration für seine Improvisationen genutzt. Was dabei herauskam, war in diesem Fall eine besonders beeindruckende Demonstration spontaner Kreativität, die die Zuhörer wieder einmal staunen ließ.
Erzählt wird in dem schmalen Band die Geschichte der titelgebenden „Mutter” die im Buch auch keinen anderen Namen bekommt. Mutter befindet sich im Herbst ihres Lebens, ihr Mann und die Kinder sind längst aus ihrem Leben verschwunden. Mit ihrem immer noch robusten Körper beackert sie verbissen ihren Garten und versucht, das alte Haus, das für sie allein eigentlich viel zu groß ist, am Laufen zu halten. Aber irgendwas stimmt nicht.
Mit Zahnschmerzen fängt es an, die sie standhaft ignoriert oder versucht, selbst zu therapieren. Ihre Zähne und auch ihre Stimme wirken dabei wie ein Barometer ihrer Befindlichkeit: Je heftiger ihre Zähne schmerzen, umso leiser und brüchiger wird auch ihre Stimme, schrumpft ihre Welt mehr und mehr zusammen. Menschliche Kontakte hat sie kaum noch, sie sperrt diese auch aktiv aus ihrem Leben aus, indem sie ihr Telefon nicht mehr auflegt und die Handwerker, die ihr Dach reparieren sollten, in die Flucht schlägt. Einzig der riesige Garten, in dem sie oft schuftet bis zum Umfallen, scheint sie am Leben zu erhalten.
Spätestens an diesem Punkt ahnt man als Leser, das geht nicht mehr lange gut. Aber die alte Dame gibt nicht auf. Sie lässt ihr altes Leben hinter sich, zieht in eine kleine Stadtwohnung und stürzt sich selbstbestimmt in ein ganz neues. Ihre maroden Zähne werden endlich behandelt. auch ihre Stimme verändert sich, wird laut und tief, selbstbewusst. Perfekt, um im Schwimmbad vom Sprungbrett aus Balladen zu rezitieren oder am Telefon erotische Anrufe zu tätigen, wenn ihr danach ist. Die Heldin scheint in ihrem neuen Leben angekommen zu sein – eine überraschende Transformation.
Während man anfangs oft schlucken muss, wird der Erzählstil des Buches gegen Ende immer leichter und positiver. Ein Stimmungswechsel, den auch Rupert Laible in seinen Improvisationen mit einem guten Spritzer Humor und Witz nachvollzog. Für manche Leser mag Katharina Mevissens schonungsloser Stil anstrengend sein, aber wer bis zum Schluss durchhält, sieht vor allem die Würde und die intakte Persönlichkeit der Heldin. Und das lässt vielleicht sogar einen ganz neuen Blick auf Demenz zu.
Text: Pia Geimer/RNZ


