Wann fängt das Altern an?
Lions-Büchermarkt beginnt heute – Zum Auftakt faszinierten Andrea Wolf und Rupert Laible am Mittwoch beim literarisch-musikalischen Abend im vollen Rathaussaal
Von Peter Lahr
An das „erste Mal“ erinnerte sich Organisator Friedolf Fehr am Mittwochabend in dem bis auf den allerletzten Stuhl gefüllten Rathaussaal noch gut: „Vor 25 Jahren, während meiner Lions-Präsidentschaft, luden wir zum ersten literarisch-musikalischen Abend ein. Wir Lions wollten nicht nur Bücher verkaufen, sondern auch etwas von dem Spirit zeigen, der jedem Buch zugrunde liegt.“
Mittlerweile bilden die in Mosbach geborene Schauspielerin Andrea Wolf und der Mosbacher Pianist Rupert Laible ein organisch verbundenes „Dream Team“, das schon viele Bücher unterschiedlichster Genres auf völlig einzigartige Art und Weise zum Klingen brachte. Kein Wunder, dass Fehr zufrieden auf das Viertel Jahrhundert zurückblickte: „Wir lagen richtig.“ Auch dieses Jahr öffnet der dreitägige Lions-Büchermarkt im Unteren Rathaussaal bereits heute Vormittag ab 9 Uhr.
Schlicht „Altern“ lautet der aktuelle Titel von Elke Heidenreich, in dem die mittlerweile 80-jährige „Grande Dame“ der deutschen Literaturvermittlung sich mit dem Leben im Allgemeinen und mit ihrer eigenen Biographie im Besonderen auseinandersetzt. Daraus wählte Andrea Wolf einige Passagen, die sie mit großer Ruhe, Ausstrahlung und Tiefe vortrug. Ach was, zu einem fesselnden Eigenleben erweckte, mit Energie und Feuer erfüllte. Nichts gegen die, selbstredend in einem vielfältigen Zitatenschatz tauchende Autorin, aber Andrea Wolf ist von einer derartigen Zauberkraft erfüllt, dass sie wohl auch das Telefonbuch vortragen könnte - und die Menschen würden ihr fasziniert an den Lippen hängen. Zurück zum Thema: „Altern ist ein ganz natürlicher Vorgang, bei dem wir aufpassen sollten, unsere Jugendlichkeit zu bewahren.“ So wie Elke Heidenreich diverse Altersthemen von der Lebensrückschau über das Aussortieren angesammelter Lieblings-Dinge bis zum Umgang mit den einsetzenden Zipperchen – Krankenhaus-Tablettenschieber aus Plastik oder lieber eine stilvolle Pillendose aus Silber lautet da die Frage – aus den unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet, ähnlich vielgestaltig wirft Rupert Laible am Flügel seine Netze aus. Als Intro zum Grundthema versteckt er ein paar Töne aus „When I’m Sixty Four“ zwischen Vogelgezwitscher, geht zu einem groovigen Ragtime über und gemahnt munter improvisierend an Stummfilmzeiten.
„Um was geht es sonst im Leben, wenn wir uns nicht ins Gras fallen lassen?“, zitiert Wolf Heidenreich bzw. deren Freundin Doris Dörrie. Den flirrenden Sommersonnenaufgang präsentiert der Pianist balladesk und passgenau im Breitwandformat. Harmonien in Dur segeln schwerelos wie Greifvögel, die ohne Mühe Richtung Sonne schweben. Vor der Pause lässt der Pianist die Zeit leise durch die Sanduhr rieseln, breitet die Wonnen eines Tags am Meer aus – und bricht abrupt ab.
Von der himmelblauen Zuckerdose bis zum schwarzen Töpfchen geht die Reise der Dinge, von Tolstoy über Polt und Freud zu Gottfried Benn. „Wann fängt eigentlich das Alter an?“, will jener wissen. „Es ist nicht wichtig, wie alt man wird, sondern wie man alt wird“, lautet eine weitere Erkenntnis. Goethes Faust lässt Andrea Wolf zu Wort kommen, die selbst schon das Gretchen mimte. „Forever Young“ sang der schöne Sänger von Alphaville. Ob das klappen kann? Rupert Laible schüttelt zwar energisch den Kopf zu diesem Musikwunsch. Aber dann kitzelt er doch etwas aus seiner schwarz-weißen Weltentastatur heraus, das exakt wie der fliegende Pfeil des nahenden Todes und die nie versiegende Sehnsucht nach der ewigen Jugend klingt. Da ist nicht nur Andrea Wolf zu Tränen gerührt. Den Glücksmoment, den die Heidenreich immer wieder anspricht, ihn haben die beiden Künstler für diesen Abend so traumwandlerisch wie schwerelos geschaffen und mit allen geteilt. Merci!